Jagd

Allah zählt die Tage nicht, die wir auf der Jagd verbringen.
— Arabischer Spruch

03.12.2024

Im Zelt höre ich komisches Hundegeheul von verschiedenen Seiten. Oder sind das etwa Wölfe? Nein, hier gibt es doch keine Wölfe. Ich schlafe trotz allem gut. Im Morgenlicht sehen die Gesteinsformationen wieder ganz anders aus als am Abend zuvor. Heute steht zudem noch ein besonderer Fels auf dem Programm: Der Mushroom-Rock. Das Schweizer Paar von gestern hat ihn mir empfohlen, und da er ohnehin nur unweit meiner Route liegt, hat er Aufnahme ins Tagesprogramm gefunden. Danach geht es bereits nach Al'Ula, eine Stadt mit vielen Highlights. Doch dazu mehr in einem späteren Blogpost.

Ohne Internet ist der Mushroom-Rock gar nicht so einfach zu finden. Ich biege nach rechts ab – etwas zu früh, wie ich später bemerke. Anfangs führt die Strasse durch Sand, doch bald gibt es nur noch Sand und Stein. Ich merke, dass ich noch einiges entfernt bin, und lasse das Fahrrad stehen, um die Anstrengung zu reduzieren. Irgendwann sehe ich ihn, den Pilz aus Stein. Ich muss dafür allerdings noch weiterlaufen als gedacht. Hoffentlich finde ich das Fahrrad wieder. Ich habe mir den Fels nicht so alleinstehend vorgestellt, doch genau das macht ihn umso eindrücklicher.

Ein einzelnes Bäumchen steht in der Nähe, weit und breit das einzige. Ich nutze es als Bildrahmen.

Die Wilma hat brav auf mich gewartet – sie steht noch genauso da, wie ich sie stehen gelassen habe. Auf dem Rückweg zur Strasse werde ich von einem Einheimischen gefragt, ob ich einen Kaffee möchte. Ja, warum eigentlich nicht? Kurz die trockene Kehle befeuchten und dabei ein wenig plaudern. Ich weiss, dass mich arabischer Kaffee erwarten wird. Der ist anfangs etwas gewöhnungsbedürftig und schmeckt ganz anders als der Kaffee, den wir kennen.

Ich werde in einen typisch mit Teppichen ausgelegten Raum geführt. Man sitzt hier am Boden.

Hamoud, der gut Englisch spricht, ist mit seinem Bruder und Cousin, die kaum Englisch können, in diesem kleinen Dorf aufgewachsen. Deshalb haben sie noch dieses Haus, wohnen inzwischen aber in Tabuk.

Hamoud erzählt mir, dass sie Beduinen sind und früher auch nomadisch gelebt haben. Sobald er jedoch zur Schule ging, wurden sie sesshaft. Das nomadische Leben sei jedoch nicht entscheidend für das Beduinenleben. Heutzutage lassen diejenigen, die noch Tiere haben, diese meistens allein wandern, an Orte, wo es gutes Futter gibt. Dort bauen sie ein Zelt auf und bleiben eine Zeit lang. Früher habe man sich in kalten Nächten zum Schutz etwas im Sand eingebuddelt und sei oft nur mit ein paar Datteln unterwegs gewesen. Heute leben die Besitzer nicht mehr tagelang unter freiem Himmel, sondern besuchen ihre Kamele, Schafe oder Ziegen regelmässig von einem festen Wohnsitz aus. Oft haben sie sogar einen angestellten Gastarbeiter, der bei den Tieren bleibt und in einem Zelt in ihrer Nähe schläft.

Hamoud ist sehr stolz darauf, ein Beduine zu sein. Die Vorfahren spielen eine wichtige Rolle. Er weiss bis über 200 Jahre zurück, wie seine Vorfahren hiessen. Auch weitere Verwandte von Hamoud kommen auf einen Kaffee oder Tee vorbei. Zudem wird ein reichhaltiges Frühstück mit verschiedenen Dipsaucen, Fladenbrot, Orangensaft und Wasser aufgetischt. Es schmeckt vorzüglich.

Spontan schlägt Hamoud einen Ausflug in die Umgebung vor.
Ich willige ein.

Neben Hamoud kommen auch einer seiner Cousins und dessen kleiner Sohn mit. Wir besuchen erneut den Mushroom-Rock. Hamoud kannte diesen Namen nicht – auf Arabisch nennen sie ihn „Hals und Kopf“.

Unterwegs sehen wir einige Kamele, ohne dass jemand in ihrer Nähe ist, um auf sie aufzupassen. Ich frage Hamoud, ob nie jemand Kamele stiehlt. „Nein“, sagt er. Erstens seien sie markiert, jede Familie habe ihr Kennzeichen. Zweitens werde jemand, der klaut, sozial geächtet, ebenso seine Nachkommen. Dieses Risiko gehe niemand ein.

Rasant kurven wir im Sand umher. Wir kommen auch an ein paar Zelten vorbei – Schlafplätze von Tierhütern und deren Tieren. Hamoud achtet darauf, kein privates Grundstück zu befahren. Mir ist allerdings unklar, wo eines aufhört und das nächste anfängt. Schliesslich steigen wir bei einem Hügel aus und laufen hinauf. „Da hinten leben Wölfe“, meint Hamoud und zeigt auf eine etwas dunklere Gebirgskette in der Nähe. Wölfe! Dann waren das letzte Nacht wohl doch Wölfe, die ich gehört habe. Sie kämen auch in die Gebiete des Dorfes und seien ein Problem, da sie manchmal junge Kamele, Schafe oder Ziegen reissen. Eine ähnliche Thematik wie in Europa. Von der Regierung werden die Tiere geschützt – wer einen Wolf schiesst, muss umgerechnet 25.000 Franken Strafe zahlen.

Zurück im Haus gibt es wieder Tee und Kaffee. Weitere Freunde und Verwandte kommen vorbei. Einer von ihnen züchtet Kamele und lässt sie in Tabuk bei Rennen antreten. Bei einem Sieg steigt der Händlerpreis erheblich. Sein teuerstes Kamel sei bisher 25.000 Franken wert gewesen – wie ein Auto oder ein Wolfsschuss, scherzt er. Das teuerste Kamel überhaupt sei mehrere Millionen Franken wert gewesen, doch der Besitzer habe es nicht verkaufen wollen. Es sei vor einiger Zeit gestorben, was damals medial viel Aufmerksamkeit erhielt. Ein anderer Freund von Hamoud hat sich mit der Schafszucht ein Vermögen aufgebaut, wie mir erzählt wird.

Gegenseitiges Interesse besteht bei den Themen Partnerschaften und Heirat.

Sie erzählen mir, dass bei ausreichend Geld und einer ins Auge gefassten Frau eine Schwester oder die Mutter die Dame zunächst „auskundschaftet“, um zu prüfen, ob sie ein guter Fang wäre. Ist dies der Fall, fragt man ihren Vater um Erlaubnis. Bei Zustimmung darf das Paar sich für etwa eine Stunde treffen und kennenlernen. Ein Rückzieher wäre dann noch möglich. Anschliessend käme es zur Hochzeit. Filme haben ihnen schon eine Ahnung vermittelt, wie es bei uns läuft. Trotzdem sind sie erstaunt, dass man bei uns jahrelang zusammen sein und sogar zusammenleben kann, ohne zu heiraten.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich werde mit Nachdruck gefragt, ob ich über Nacht bleiben möchte. Einige Freunde aus Tabuk würden kommen, und wir würden zum Zelt von Hamouds Onkel gehen. Da ich heute ohnehin nicht mehr weit kommen würde, lasse ich mich überzeugen. Leider bemerke ich erst zu spät, dass die Reste des Frühstücks weggeworfen werden. Reste werden hier offenbar grundsätzlich kaum wiederverwertet. Schade, es war so lecker, und ich hätte es gerne am nächsten Tag mitgenommen. Auch hätte ich gerne den Sonnenuntergang am Mushroom-Rock gesehen, doch das Auto des Cousins ist weg. Stattdessen zeigt mir Hamoud seinen Garten.

Er spricht von einem Baum, der „ants“ hergebe. Ich werde hellhörig und frage nach. Es stellt sich heraus, dass er „dates“, also Datteln, meinte. Die Kommunikation bleibt herausfordernd, doch Hamoud spricht von allen Saudis, die ich bisher kennengelernt habe, das beste Englisch. Plötzlich bringt jemand Kabsa, ein Reisgericht. Die Freunde von Hamoud aus Tabuk lassen auf sich warten. Irgendwann geht es dann aber doch zum Zelt von Hamouds Onkel.

Ein beeindruckendes Zelt, geschmückt mit Lichtern und ausgestattet mit schönen Polstern. Ich fühle mich darin wie ein König.

Noch einmal wird Kabsa aufgetischt, offenbar aufgrund eines Missverständnisses. Ich vermute, dass übrig gebliebenes Essen im Müll landen wird. Doch ich habe vor etwa eineinhalb Stunden beim ersten Kabsa schon gut zugeschlagen und schaffe trotz dieser Gedanken nur noch wenig. Statt Alkohol und Zigaretten konsumiert man hier Limonade, alkoholfreies Bier und Shisha.

Plötzlich entsteht die Idee zu einer Wolfsjagd!

Einer von ihnen habe schon zehn Wölfe geschossen, erzählt man mir. Von der Idee zur Umsetzung dauert es nicht lange: Kurz darauf sitze ich in einem Pickup auf der Rückbank. Die beiden neben mir leuchten mit Scheinwerfern die Umgebung aus. Der Beifahrer hält die Waffe. Mir wurde sie angeboten, doch ich habe abgelehnt. Der Fahrer fährt wie ein Verrückter – zuerst im Sand, dann auf Asphalt.

Auf der Asphaltstrasse fährt er mit 160 Kilometern pro Stunde durch eine langgezogene Kurve. Ich bin erleichtert, dass das Auto mehr Bodenhaftung hat, als ich erwartet hätte. Wir sehen keinen Wolf, und irgendwie bin ich fast froh darüber. Stattdessen nehmen wir uns Füchse vor – allerdings nur zum Spass, wie man mir versichert, ohne Abschuss. Tatsächlich entdecken wir einen. Der Fahrer rast nun noch wilder über Sand und Steinplatten hinterher. Ich hätte nicht gedacht, dass Autoreifen so viel aushalten. Der Fuchs ist flink. Wir auch. Der Fahrer hat sichtlich Übung. Doch irgendwann ist der Fuchs dann doch weg. Und ich froh, haben der Fuchs und ich das heil überlebt. Was für ein Abenteuer in der saudischen Wüste.

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