Neben Hamoud kommen auch einer seiner Cousins und dessen kleiner Sohn mit. Wir besuchen erneut den Mushroom-Rock. Hamoud kannte diesen Namen nicht – auf Arabisch nennen sie ihn „Hals und Kopf“.
Unterwegs sehen wir einige Kamele, ohne dass jemand in ihrer Nähe ist, um auf sie aufzupassen. Ich frage Hamoud, ob nie jemand Kamele stiehlt. „Nein“, sagt er. Erstens seien sie markiert, jede Familie habe ihr Kennzeichen. Zweitens werde jemand, der klaut, sozial geächtet, ebenso seine Nachkommen. Dieses Risiko gehe niemand ein.
Rasant kurven wir im Sand umher. Wir kommen auch an ein paar Zelten vorbei – Schlafplätze von Tierhütern und deren Tieren. Hamoud achtet darauf, kein privates Grundstück zu befahren. Mir ist allerdings unklar, wo eines aufhört und das nächste anfängt. Schliesslich steigen wir bei einem Hügel aus und laufen hinauf. „Da hinten leben Wölfe“, meint Hamoud und zeigt auf eine etwas dunklere Gebirgskette in der Nähe. Wölfe! Dann waren das letzte Nacht wohl doch Wölfe, die ich gehört habe. Sie kämen auch in die Gebiete des Dorfes und seien ein Problem, da sie manchmal junge Kamele, Schafe oder Ziegen reissen. Eine ähnliche Thematik wie in Europa. Von der Regierung werden die Tiere geschützt – wer einen Wolf schiesst, muss umgerechnet 25.000 Franken Strafe zahlen.
Zurück im Haus gibt es wieder Tee und Kaffee. Weitere Freunde und Verwandte kommen vorbei. Einer von ihnen züchtet Kamele und lässt sie in Tabuk bei Rennen antreten. Bei einem Sieg steigt der Händlerpreis erheblich. Sein teuerstes Kamel sei bisher 25.000 Franken wert gewesen – wie ein Auto oder ein Wolfsschuss, scherzt er. Das teuerste Kamel überhaupt sei mehrere Millionen Franken wert gewesen, doch der Besitzer habe es nicht verkaufen wollen. Es sei vor einiger Zeit gestorben, was damals medial viel Aufmerksamkeit erhielt. Ein anderer Freund von Hamoud hat sich mit der Schafszucht ein Vermögen aufgebaut, wie mir erzählt wird.
Gegenseitiges Interesse besteht bei den Themen Partnerschaften und Heirat.
Sie erzählen mir, dass bei ausreichend Geld und einer ins Auge gefassten Frau eine Schwester oder die Mutter die Dame zunächst „auskundschaftet“, um zu prüfen, ob sie ein guter Fang wäre. Ist dies der Fall, fragt man ihren Vater um Erlaubnis. Bei Zustimmung darf das Paar sich für etwa eine Stunde treffen und kennenlernen. Ein Rückzieher wäre dann noch möglich. Anschliessend käme es zur Hochzeit. Filme haben ihnen schon eine Ahnung vermittelt, wie es bei uns läuft. Trotzdem sind sie erstaunt, dass man bei uns jahrelang zusammen sein und sogar zusammenleben kann, ohne zu heiraten.
Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich werde mit Nachdruck gefragt, ob ich über Nacht bleiben möchte. Einige Freunde aus Tabuk würden kommen, und wir würden zum Zelt von Hamouds Onkel gehen. Da ich heute ohnehin nicht mehr weit kommen würde, lasse ich mich überzeugen. Leider bemerke ich erst zu spät, dass die Reste des Frühstücks weggeworfen werden. Reste werden hier offenbar grundsätzlich kaum wiederverwertet. Schade, es war so lecker, und ich hätte es gerne am nächsten Tag mitgenommen. Auch hätte ich gerne den Sonnenuntergang am Mushroom-Rock gesehen, doch das Auto des Cousins ist weg. Stattdessen zeigt mir Hamoud seinen Garten.
Er spricht von einem Baum, der „ants“ hergebe. Ich werde hellhörig und frage nach. Es stellt sich heraus, dass er „dates“, also Datteln, meinte. Die Kommunikation bleibt herausfordernd, doch Hamoud spricht von allen Saudis, die ich bisher kennengelernt habe, das beste Englisch. Plötzlich bringt jemand Kabsa, ein Reisgericht. Die Freunde von Hamoud aus Tabuk lassen auf sich warten. Irgendwann geht es dann aber doch zum Zelt von Hamouds Onkel.
Ein beeindruckendes Zelt, geschmückt mit Lichtern und ausgestattet mit schönen Polstern. Ich fühle mich darin wie ein König.