Unverständnis

Verständnis beruht auf Verständlichkeit.
— Georg-Wilhelm Exler

24.10.2024

Auch auf den Ausläufern der albanischen Alpen ist, aufgrund der Strassenverhältnisse, oftmals Slalomfahren angesagt. Navigieren, Aussicht geniessen und gleichzeitig auch noch möglichst jedem Schlagloch ausweichen erfordert einiges an Multitasking.

Und dann kann es auch immer mal wieder sein, dass eine Kuh auf der Strasse steht. Oder Schafe.

Oder eine ganze Ziegenherde, so wie am heutigen Tag.

Sie werden von einem Jungen getrieben. Dabei passiert etwas, wovor ich mich im Balkan immer gefürchtet habe. Als ich mich der Ziegenherde nähere, reagieren zwei von vier Hunden ziemlich aggressiv. Ich bremse ab. Bei Tierherden gilt es immer, auf die beschützenden Hunde aufzupassen, die sich oftmals als besonders angriffig erweisen.

Der Junge bedeutet mir mit Handzeichen, dass ich die Herde passieren könne. Am Strassenrand bahne ich mir langsam den Weg durch die Ziegen.

Als ich durch bin, rennen mir die beiden Hunde zähnefletschend hinterher und sind dabei nur noch wenige Zentimeter von meinem Bein entfernt.

Nächstens beissen sie mir in die Wade. Ich trete so schnell ich kann, doch obwohl das Gelände abschüssig ist, gelingt es mir nicht, ihnen davon zu fahren. In Panik reisse ich einen Vollstopp. Sie rennen etwas weiter und verstecken sich dann auf der Strassenseite. Der Junge von der Ziegenherde, der die ganze Szenerie mitbekommen hat, rennt ihnen mit einer Rute in der Hand und Drohgebärden hinterher. Erst jetzt realisiere ich, dass die beiden Hunde gar nicht zur Ziegenherde gehören, sondern es sich um wilde Hunde handelt, die sich einfach gerade in der Nähe der Herde aufhielten. Das erklärt auch, wieso der Junge diese beiden Hunde nicht beruhigen konnte. Ich wage nochmals einen Anlauf, versuche in kurzer Zeit möglichst viel Tempo aufzubauen, um möglichst schnell an den Hunden vorbeizufahren, sodass sie gar nicht erst versuchen, mir wiederum hinterher zu rennen.

Zum Glück ist mein Versuch von Erfolg gekrönt.

Bis zu meinem heutigen Ziel Tirana sollte mein Körper noch genügend Zeit haben, um all das angestaute Adrenalin wieder abzubauen. Mir ist klar, dass Fahrradfahrer den Jagdtrieb von solchen Hunden wecken können, es wie einen Schalter in ihrem Hirn umlegt. Doch so wirklich verstehen kann ich ihr Verhalten dennoch nicht. Sie wissen bestimmt, dass Menschen keine wirkliche Beute sind. Wozu also Energie verschwenden, von der sie als Strassenhunde sowieso schon nicht reichlich haben?

In einem Dorf werde ich vor einem kleinen Laden von einem Typen angesprochen.

Er scheint ein ziemliches Redebedürfnis zu haben, möchte unbedingt mit mir reden und mir auch unbedingt ein Bier spendieren. Obwohl ich ihm klarzumachen versuche, dass ich gerne auf ein Bier verzichte, ist er schon dabei, mir eins zu überreichen. Erst beim dritten Insistieren scheint er zu verstehen, dass ich tatsächlich kein Bier will. Da ich ihn nicht brüskieren will, greife ich stattdessen zu einer Limonade. Er redet zwar gut Englisch, auch wenn er mir sagt, sein Italienisch sei noch besser, doch er redet inhaltlich ziemlich wirr. Ich verstehe nicht, worauf er hinauswill.

Plötzlich erzählt er mir davon, dass er von einem Auto angefahren wurde und sechs Operationen hinter sich habe. Dabei zeigt er mir auch seine Narben am Oberkörper. Läuft das nun auf ein Betteln um Geld hinaus? Auch der Ladenbesitzer hört mit, spricht aber kein Wort Englisch. Mit Handzeichen gibt er mir jedoch zu verstehen, dass er beim Unfall offenbar betrunken gewesen sei. Dies dementiert der redselige Typ sofort, der Ladenbesitzer habe keine Ahnung. Ich kann nun aber auch 1 und 1 zusammenzählen und versuche, irgendwie geschmeidig wieder aus der ganzen Geschichte rauszukommen. Rasch die Limonade austrinken. Gefragt nach meinem Beruf kann ich ihm bei der Erwähnung der Suchtprävention ganz beiläufig auch noch mitteilen, dass es wichtig ist, sich bei Suchtproblemen Hilfe zu holen. Obwohl ich gar nicht weiss, ob in Albanien überhaupt irgendeine offizielle Suchthilfe existiert, wie mir erst im Nachhinein einfällt.

Nach dem letzten Schluck Limonade mache ich Anstalten zu gehen. Dabei sagt mir der Biertrinker, ich müsse die Limonade noch bezahlen. Will er mich also doch nicht mehr einladen. Als ich den einen Euro dafür zücke, fragt er auch gleich noch, ob ich sein Bier auch übernehmen könne. Eigentlich ungern, aber ich tue es. Und ob ich ihm auch noch ein weiteres bezahlen könne. Das wird mir nun zu viel. Als ich aus dem Laden laufe, will mir der Ladenbesitzer noch seinen Sohn vorstellen.

Ich habe hier aber genug gesehen, winke ab und schwinge mich wieder auf das Fahrrad.

Kurz vor Tirana treffe ich mit Quentin, einen Radreisenden aus Frankreich.

Zusammen fahren wir in die Stadt hinein, wo ich nach 8 Tagen Fahrradfahren am Stück einen Ruhetag eingeplant habe.

Das geht besser als gedacht, die grosse lange Strasse, welche direkt Richtung Stadtzentrum führt, bietet auf der Seite gut Platz für uns. Nur bei einer Strassenkreuzung, wo wir ebendiese Strasse überqueren müssen, wird es herausfordernd.

Wir vereinbaren ein gemeinsames Nachtessen. Gesagt, getan: Wir bestellen gleich 4 Menüs.

Die Serviceangestellte entgegnet uns, dies sei zu viel Essen für uns zwei. Als wir sie aufzuklären versuchen, dass wir sehr viel Sport gemacht hätten, nimmt sie die Bestellung zwar an, doch sie kann nicht kaschieren, dass sie nach wie vor nicht daran glaubt, dass wir alles essen werden. Bei der ersten Brot-Nachbestellung ist ihr Blick voller Verwunderung, bei der zweiten versteht sie die Welt nicht mehr. Wir essen alles auf.

Tirana ist lebendig und voller Gegensätze: Zwischen Tradition und Moderne, Orient und westlicher Welt, Bergen und Meer, eine Grossstadt mit gewissem Dorfcharakter.

Trotz hohem Stellenwert vom Auto im ganzen Land sind hier teilweise Fahrradstreifen zu finden. Es kann gut sein, dass dieser mittendrin plötzlich einfach aufhört zu existieren. Allerdings habe ich in Albanien auch einheimische Fahrradfahrer gesehen, im Gegensatz zu Montenegro, Bosnien oder Kroatien. Mitten im Zentrum ist ein riesiger Platz aus Steinplatten, ohne jeglichen Verkehr, aber auch ohne jegliche Bepflanzung. Geparkt wird teilweise mitten auf der Strasse, immerhin mit Warnblinkern. Es gibt mittelgrosse Supermärkte ohne jegliches Gemüse oder Obst. Gewisse Dinge erscheinen mir eher teuer, zum Beispiel eine Massage, anderes ist spottbillig.

Wahrscheinlich braucht man mehr Zeit als ich es in dieser Stadt hatte. Ich jedenfalls habe die Stadt nicht wirklich verstanden.

Das hat sich auch daran gezeigt, dass ich mich ohne Hilfe überhaupt nicht orientieren konnte, obwohl ich sonst einen sehr verlässlichen Orientierungssinn habe. Einen Besuch wert ist sie allemal.

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Entscheidung