Und dann kann es auch immer mal wieder sein, dass eine Kuh auf der Strasse steht. Oder Schafe.
Oder eine ganze Ziegenherde, so wie am heutigen Tag.
Sie werden von einem Jungen getrieben. Dabei passiert etwas, wovor ich mich im Balkan immer gefürchtet habe. Als ich mich der Ziegenherde nähere, reagieren zwei von vier Hunden ziemlich aggressiv. Ich bremse ab. Bei Tierherden gilt es immer, auf die beschützenden Hunde aufzupassen, die sich oftmals als besonders angriffig erweisen.
Der Junge bedeutet mir mit Handzeichen, dass ich die Herde passieren könne. Am Strassenrand bahne ich mir langsam den Weg durch die Ziegen.
Als ich durch bin, rennen mir die beiden Hunde zähnefletschend hinterher und sind dabei nur noch wenige Zentimeter von meinem Bein entfernt.
Nächstens beissen sie mir in die Wade. Ich trete so schnell ich kann, doch obwohl das Gelände abschüssig ist, gelingt es mir nicht, ihnen davon zu fahren. In Panik reisse ich einen Vollstopp. Sie rennen etwas weiter und verstecken sich dann auf der Strassenseite. Der Junge von der Ziegenherde, der die ganze Szenerie mitbekommen hat, rennt ihnen mit einer Rute in der Hand und Drohgebärden hinterher. Erst jetzt realisiere ich, dass die beiden Hunde gar nicht zur Ziegenherde gehören, sondern es sich um wilde Hunde handelt, die sich einfach gerade in der Nähe der Herde aufhielten. Das erklärt auch, wieso der Junge diese beiden Hunde nicht beruhigen konnte. Ich wage nochmals einen Anlauf, versuche in kurzer Zeit möglichst viel Tempo aufzubauen, um möglichst schnell an den Hunden vorbeizufahren, sodass sie gar nicht erst versuchen, mir wiederum hinterher zu rennen.
Zum Glück ist mein Versuch von Erfolg gekrönt.
Bis zu meinem heutigen Ziel Tirana sollte mein Körper noch genügend Zeit haben, um all das angestaute Adrenalin wieder abzubauen. Mir ist klar, dass Fahrradfahrer den Jagdtrieb von solchen Hunden wecken können, es wie einen Schalter in ihrem Hirn umlegt. Doch so wirklich verstehen kann ich ihr Verhalten dennoch nicht. Sie wissen bestimmt, dass Menschen keine wirkliche Beute sind. Wozu also Energie verschwenden, von der sie als Strassenhunde sowieso schon nicht reichlich haben?