Verlockung

Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.
— Oscar Wilde

24.01.2025

Für die letzten Nächte hatte ich jeweils bereits im Voraus Recherche betrieben, um eine möglichst unseren Bedürfnissen entsprechenden Übernachtungsmöglichkeit sicherzustellen. Dies ist einerseits zeitaufwändig, andererseits der Spontanität nicht zuträglich. So unterlasse ich dies für heute Abend einmal bewusst. Und so sind wir gespannt, wo wir enden.

Beginnen tut der heutige Freitag mit einem steilen Aufstieg. Wir sind gezwungen, unsere Fahrräder zu stossen. Kinder auf dem Weg zur Moschee unterstützen uns dabei spontan. Oben angekommen geben wir ihnen als Dank unsere Tüte mit Brot.

Die Aussicht auf Bananenplantagen und einen See, eingebettet im Grün, entschädigt uns für unsere Mühen.

Zudem gönnen wir uns eine Rolex (gerollter Eierfladen).

Dabei begegnen uns die ersten anderen Bikepacker, die wir in Afrika sehen. Sam und Anja aus Grossbritannien fahren von Kenias Küste bis Malawis Süden. Lange in die gleiche Richtung wie wir also. Verlockend, einige Tage zusammen zu strampeln. Da sie, im Gegensatz zu uns, für morgen einen Ruhetag eingeplant haben, vereinbaren wir, uns in ein paar Tagen wieder zu treffen um gemeinsam durch den Queen Elizabeth Park, etwas weiter südlich, zu fahren.

Ein Motorrad mit sieben Ziegen in einer Holzbox, hinten aufgebunden, überholt uns. Dieses wir von einem ebensolche mit einer Ziege und 8 Hühnern gar noch getoppt.

Immer wieder überraschend und eindrücklich, was hier alles, lebendig oder nicht lebendig, auf zwei Rädern transportiert wird.

Auch einige mit Bananenbüscheln dicht behängte Motor- und Fahrräder fahren an uns vorbei.

Etwas später sehen wir, dass all diese Bananen an denselben Ort gebracht werden, von wo sie, gesammelt, mit Lastwagen weitertransportiert werden.

Als es einzudunkeln beginnt, preist sich auf einem Schild ein Hotel mit Bildern luxuriöser Betten und gar einer Champagnerflasche sowie den Worten "space to live your life" und "experience comfort away from home" an.

Übernachtungsalternativen sind hier rar gesät.

Und so entschliessen wir, dieser Verlockung nachzugeben und uns diesen "Komfort" zumindest einmal anschauen zu gehen, auch wenn uns bewusst ist, dass die Bilder aller Wahrscheinlichkeit nach direkt von Google stammen. So ist es dann auch. Das komfortable Bett in grossem Zimmer hat in Realität gerade knapp im Zimmer Platz. Nicht allzu viel "space to live your life" also. Zudem ist es so schmuddelig, dass wir unsere Schlafsäcke auf dem Bett ausbreiten. Und auf dem Nachttischchen steht keine Champagnerflasche sondern liegt ein Pack Kondome. Unbenutzt, immerhin. Mäusekot und WC-Gestank komplettieren den "comfort away from home". Mit dem Zelt im Garten schlafen dürfen wir auf Nachfrage nicht.

Im Hinterhof koche ich uns ein Linsen-Dal.

Dies scheint der Hotelangestellten ziemlich zu imponieren. Ihre Flirtversuche mir gegenüber untermalt sie, indem sie ein Lied mit dem Text "white sugar baby" laufen lässt und den Text mitsingt. Ich stelle auch dann noch auf naiv, als mir das Lockvögelchen mit verführerischem, vielsagendem Blick eine Banane anbietet. Hat sie nicht mitgeschnitten, dass ich mit meiner Freundin hier bin?

Die Hotelbesitzerin ihrerseits ist weniger auf mich, sondern mehr auf das Linsen-Dal erpicht. Sie ist so neugierig auf dessen Geschmack, dass sie, kaum haben wir das Dal auf unseren Tellern, kurzerhand zu meinen Löffel greift und ihn in ihren Mund steckt. Ja, richtig gelesen, mein Löffel in ihrem Mund. Ich bin baff. So baff, dass ich gar nicht reagiere sondern einfach so gut wie nur irgend möglich verdränge. Das Essen sei vorzüglich, meint unsere Vorkosterin.

Als wir später im Bett verdauen, physisch das Dal wie psychisch die Vorkommnisse, dröhnt laute Musik aus der Bar zu uns. Zum Glück nicht lange, sodass wir dann doch einschlafen können. Bis wir von überlautem Gestöhne aus dem Nachbarszimmer geweckt werden. Erst da dämmert es uns langsam: Kondome, Anmache, Gestöhne. Wir sind wohl in einem Stundenhotel gelandet. Wobei sich für uns jede Stunde als eine zuviel anfühlt.

Hat ja super geklappt mit der spontanen Übernachtungsmöglichkeit.

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